Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf Instanzen Sozialer Kontrolle

Hoschulübergreifende kriminologische Vortragsreihe

Kriminolog*innen haben’s schwer: In der breiten Öffentlichkeit werden sie auf Spurensuche geschickt – weil Manchen der Unterschied zur Kriminalistik nicht klar ist –, an Hochschulen gelten sie oft als Anhängsel der Rechtswissenschaft. In den USA und Großbritannien ist die Kriminologie eine Sozialwissenschaft, die seit langem den Horizont erweitert hat. Für eine sozialwissenschaftliche Kriminologie steht nicht mehr die Frage im Vordergrund, warum sich jemand abweichend oder normgerecht verhält, sondern die Entstehung dieser Normen und die Reaktion der Gesellschaft, wenn sie verletzt werden.

So auch an Hochschulen in Hamburg. Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf Instanzen Sozialer Kontrolle ist die Kriminologische Vortragsreihe im Herbst/Winter 2022/23 überschrieben. Zu diesen Instanzen sozialer Kontrolle zählen unterschiedliche Institutionen aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen. Deshalb finden die Veranstaltungen im Dialog zwischen Sozialer Arbeit – Polizei – Justiz – Kriminologie statt. Fachleute aus Praxis und Wissenschaft kommen miteinander ins Gespräch.

Die Gratwanderung zwischen Hilfe und Kontrolle ist Thema zum Beginn der Reihe: Prof. Dr. Jan Wehrheim, Professor für Soziologie am Institut für Soziale Arbeit und Sozialpolitik der Universität Duisburg-Essen, hat untersucht, ob und ggf. wie Fachkräfte der Sozialen Arbeit zur Etikettierung und damit Kriminalisierung Jugendlicher beitragen. Fast ein halbes Jahrhundert nach Erscheinen des Klassikers Die sanften Kontrolleure (Cremer-Schäfer/Peters 1975) stellt er Überlegungen zur sozialen Selektivität in der Jugendgerichtshilfe an: Sanfte Kontrolleure revisited.

Wie bereitet sich die Polizei in Europa auf herausfordernde Einsätze vor? Indem die Beamten das inszenieren, was sie erwarten. Sie spielen Theater, analysiert Prof. Dr. Andrea Kretschmann, Professorin für Kultursoziologie an der Leuphana-Universität Lüneburg. Da bewerfen die einen die anderen mit Flaschen, bauen Barrikaden und zünden Autos an – sie vermuten, dass ihnen das in kommenden Einsätzen bevorsteht.

Was steckt dahinter? Andrea Kretschmann berichtet über ihre Untersuchungen über Polizeiliches Theater als Präventionslogik.

Der Polizei wird nach Großeinsätzen oft ein selektives Vorgehen gegenüber bestimmten Personen und Gruppen vorgeworfen. In der Berichterstattung über die sog. Corona-Proteste war mitunter eine Verbrüderung mit Protestierenden auffällig bei gleichzeitig hartem Vorgehen gegenüber Journalist*innen. Prof. Dr. Daniela Hunold, Professorin für Empirische Polizeiforschung an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin, beleuchtet die Umgangsformen der Polizei in Deutschland mit verschiedenen Protestformen: Protest Policing.

Gewalt gegen Frauen bis hin zur Tötung der (Ex-) Partnerin gilt Fernsehzuschauer*innen und Zeitungsleser*innen oft als Liebesdrama oder Familientragödie. In der Fachwelt wird der Begriff des Femizids diskutiert. Dabei rücken die im Privaten oft verborgenen Machtstrukturen zum Nachteil von Frauen in den Mittelpunkt. Tina Krafczyk von der Zeug*innenbetreuung am Landgericht Hamburg untersucht, ob und wie die Kennzeichnung einer Gewalttat als Femizid im Strafverfahren anwendbar und hilfreich ist. Überschrieben ist die Veranstaltung mit Femizid – Bedeutung und Nutzen für die strafrechtliche Normgenese bei Gewalt gegen Frauen im sozialen Nahraum.

Die Veranstaltungen finden an unterschiedlichen Orten statt. Beteiligt sind verschiedene Hamburger Hochschulen – die, an denen zur Sozialwissenschaftlichen Kriminologie geforscht und gelehrt wird. Sie wird unterstützt von der Lieselotte-Pongratz-Stiftung.

 

Programm der Vortragsreihe „Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf Instanzen Sozialer Kontrolle“

17.11.2022
Prof. Dr. Jan Wehrheim (Uni Duisburg-Essen): Sanfte Kontrolleure revisited: Überlegungen zur sozialen Selektivität in der Jugendgerichtshilfe
Ort: Ev. Hochschule Hamburg, Horner Weg 170, Raum 1/1 und 1/2

15.12.2022
Prof. Dr. Andrea Kretschmann (Uni Lüneburg): Polizeiliches Theater als Präventionslogik
Ort: Universität Hamburg, Edmund-Siemers Alle 1, ESA Ost, Raum 221

12.01.2023
Prof. Dr. Daniela Hunold (HWR Berlin): Protest Policing
Ort: Akademie der Polizei, Braamkamp 3b, PAZ, Raum 5.06/5.07

15.02.2023
Tina Krafczyk, MA Krim (Zeuginnen- und Zeugenbetreuung, LG Hamburg): Femizid – Bedeutung und Nutzen für die strafrechtliche Normgenese bei Gewalt gegen Frauen im sozialen Nahraum
Ort: HAW Hamburg, Alexanderstr. 1, Versammlungsstätte EG

Veranstaltungsflyer zum Download

 

Aktuelles

Call for Papers zum KrimJ Schwerpunktheft 4/2023

„Method(ologi)en kritisch-kriminologischer Forschung“

Forschung in und über Kriminalisierungs- und Ausgrenzungsprozesse, soziale Probleme und soziale Kontrolle stellt sich besonderen Herausforderungen. Gegenstände kritisch-kriminologischer Forschungen sind Teil öffentlicher Problematisierungen und so normativ und (kriminal)politisch aufgeladen, bisweilen polarisieren sie. Dies liegt auch daran, dass die Gegenstände häufig aus eben jenen Praxisbezügen heraus generiert werden und gesellschaftliche Ordnungsverhältnisse adressieren.

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Call for Papers: Zugänge zum Recht – zugängliche Rechte?

 

Fünfter Kongreß der deutschsprachigen Rechtssoziologie-Vereinigungen 21.-23. September 2023; Leopold-Frantzen-Universität Insbruck

“Zugang zum Recht” ist ein klassisches rechtssoziologisches Thema und  ̶  im Plural  ̶  Ausgangspunkt für den interdisziplinären Kongress im September 2023, auf dem aktuelle Überlegungen sowie Debatten rund um „Zugänge zum Recht“ und „zugängliche Rechte“ vorgestellt werden können – gerade vor dem Hintergrund aktueller Krisen und Herausforderungen (Wirtschaft, Klima, Gesundheit, Migration etc.) und technologischer Entwicklungen (allen voran Digitalisierung und Mediatisierung). Dabei geht es um die Zugänglichkeit des Rechts im sozialen Sinne genauso wie um theoretische und methodische Zugänge der Rechtsforschung. Die Zugänglichkeit des Rechts ist, wie empirische Studien immer wieder zeigen, für Menschen abhängig von Herkunft, sozialer Schicht, Geschlecht, Behinderung etc. in sehr unterschiedlichem Maße gegeben.

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Akteure und soziale Kontexte rechter Gewalt

Online-Vortragsreihe im Wintersemester 2022/23

Das Ausmaß rechter Gewalt in Deutschland wird in staatlichen und zivilgesellschaftlichen Statistiken - zum Teil sehr unterschiedlich - quantifiziert. Gerade in der medialen Auseinandersetzung ist dieser statistische Blick auf rechte Gewalt sehr präsent, obwohl er nur bedingt zum Verstehen und Erklären rechter Gewaltphänomene beiträgt. Aus einer soziologisch-historischen Perspektive hingegen rücken Fragen nach konkreten Akteuren sowie nach den sozialen Kontexten rechter Gewalt in den Vordergrund. In diesem Sinne möchten wir mit unserer Veranstaltungsreihe dazu beitragen, den Blick auf rechte Gewalt zu weiten und verschiedene aktuelle sowie historische Phänomene zu beleuchten.

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Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf Instanzen Sozialer Kontrolle

Hoschulübergreifende kriminologische Vortragsreihe

Kriminolog*innen haben’s schwer: In der breiten Öffentlichkeit werden sie auf Spurensuche geschickt – weil Manchen der Unterschied zur Kriminalistik nicht klar ist –, an Hochschulen gelten sie oft als Anhängsel der Rechtswissenschaft. In den USA und Großbritannien ist die Kriminologie eine Sozialwissenschaft, die seit langem den Horizont erweitert hat. Für eine sozialwissenschaftliche Kriminologie steht nicht mehr die Frage im Vordergrund, warum sich jemand abweichend oder normgerecht verhält, sondern die Entstehung dieser Normen und die Reaktion der Gesellschaft, wenn sie verletzt werden.

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Kriminologie und Public Health - Call for Abstracts

Call for Abstracts für ein Themenheft "Kriminologie und Public Health"

Das Kriminologische Journal plant für den Herbst 2023 ein Themenheft zum Thema "Kriminologie und Public Health". Den dazu passenden Call for Abstracts (Einreichungsfrist: 15.10.2022) finden Sie untenstehend. Beiträge können sich dem Themenfeld Kriminologie und Public Health aus den verschiedensten Blickwinkeln nähern. Historische Analysen oder Überblicksdarstellungen sind ebenso vorstellbar wie die Thematisierung aktueller Diskurse, Probleme, Theoriedebatten oder Entwicklungen. Einreichungen durch Nachwuchswissenschafler*innen sind explizit erwünscht. Einreichungen in englischer Sprache sind möglich.


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